Neue Zeitrechnung im Busch-Krankenhaus

Langen - „Wenn Sie je über zu volle Wartesäle gestöhnt haben, dann kommen Sie mal in ein afrikanisches Krankenhaus.“ Der Langener Internist Dr. Michael Schöfer weiß, wovon er spricht. Bereits zum vierten Mal reiste er nach Ghana, um Hilfe zu leisten. Von Sandra Dorn

Bereits zum vierten Mal war Michael Schöfer als „Volunteer Doctor“ in Ghana. Seine Patienten – darunter viele Mütter mit Kindern – nehmen tagelange Märsche in Kauf; der Mangel an Medikamenten und medizinischem Gerät ist allgegenwärtig.

Zwei Wochen arbeitete er im Krankenhaus von Sogakope am Fluss Volta, eine Woche im acht Fahrstunden entfernten Eikwe an der Grenze zur Elfenbeinküste. Hunderte Menschen – darunter viele Mütter mit ihren Kindern auf dem Schoß – warten dort Tag für Tag geduldig auf Holzbänken, dass sich ein Arzt ihrer annimmt. „Gut die Hälfte von ihnen hat Malaria“, sagt Schöfer. „Bei uns erkranken viele Menschen an Tumoren, dort sind es Infektionskrankheiten.“ Er zeigt ein Foto, auf dem ein traurig blickendes 15-jähriges Mädchen zu sehen ist. Schöfer diagnostizierte akute Bauchfellentzündung, doch die Mutter hatte nicht die nötigen 80 Euro für die Operation. „Das Mädchen wäre sicher gestorben, wenn wir die OP nicht übernommen hätten.“

Bis zu 25 000 Menschen kommen in Ghana auf einen Arzt, es mangelt an medizinischen Gerätschaften und an der praktischen Ausbildung. Während Ultraschall-Untersuchungen in deutschen Praxen selbstverständlich sind, haben junge Ärzte in Ghana in der Regel keine Möglichkeit, überhaupt den Umgang mit den Geräten zu lernen. Beim jüngsten Aufenthalt schulte Schöfer erneut einheimische Mediziner an gespendeten Ultraschallgeräten aus Deutschland. „Ich bin immer überrascht, wie schnell sie das lernen“, sagt er. Man solle nicht denken, die Ärzte vor Ort seien rückständig, betont Schöfer. „Die Kollegen dort haben immer ihren Laptop dabei.“ Für einen Internetanschluss müssten sie aber zum nächsten Hotel oder in die Hauptstadt Accra fahren – das von italienischen Ordensschwestern geleitete Krankenhaus von Sogakope liege „mitten im Busch“.

Von der Schulung durch deutsche Ärzte erhoffe man sich einen „Multiplikator-Effekt“, sagt Schöfer. Das Problem: Rund zwei Drittel der ghanaischen Ärzte gehen nach der Ausbildung ins Ausland – eine Frage des Geldes. Ein ghanaischer Arzt verdiene etwa 1 900 Euro im Monat, zum Teil finanziert durch den Staat, zum Teil durch die Einnahmen des Krankenhauses. „Das Ausland ist da attraktiver“, weiß Schöfer.

Der Einsatz des Langener Internisten und anderer deutscher Ärzte in Ghana wird durch die German Rotary Volunteer Doctors (GRVD) koordiniert, die auch einen Großteil der Spenden sammeln. Michael Schöfer konnte überdies Spenden von Patienten der internistischen Gemeinschaftspraxis sowie des Fachärztezentrums in Höhe von mehreren tausend Euro zusammentragen.
Die letzte Großspende von 21 000 Euro ging ans Krankenhaus von Eikwe, das von deutschen Ordensschwestern geleitet wird und im tropisch heißen Regenwald liegt. 2 500 bis 3 000 Kinder kommen dort jedes Jahr zur Welt, die Ausstattung war völlig veraltet. Von dem Geld wird zurzeit ein neuer OP- und Entbindungstrakt gebaut. „Das bedeutet für die Schwestern eine neue Zeitrechnung – einen riesigen Motivationsschub“, sagt Schöfer. Voller Bewunderung erzählt er von den fünf Frauen, die alle um die 70 Jahre alt sind. „Die sitzen da seit 40 Jahren alleine im Busch.“ Die erste OP hatten ein deutscher Arzt und die Schwestern noch mit Kerosinleuchten auf dem Kopf vollführten. Während politischer Umstürze in den 70er und 80er Jahren hatten sich die Ärzte nicht mit Geld, sondern mit Benzin für den Betrieb der Generatoren bezahlen lassen.

„Die Zeit der Mission ist vorbei“, sinniert Schöfer. Doch er ist zuversichtlich, dass der Betrieb der Krankenhäuser nicht zum Erliegen kommt, wenn sich die letzte Ordensschwester verabschiedet haben wird. „Es wird anders laufen als bisher, aber es wird weiterlaufen.“

Wer Michael Schöfer und den Rotary-Club Dreieich/Neu-Isenburg, der auch soziale Projekte in der Region finanziert, bei seinem Afrika-Engagement unterstützen will, kann seine Spende auf folgendes Konto überweisen: Rotary Deutschland Gemeindienst e.V., Konto-Nr. 394 120 000, BLZ 300 700 10; Stichwort Ghana Hilfe RC Dreieich-Isenburg.

Zurück

© 2015 Fachärztezentrum Langen